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Vogelzug - Vom Standvogel zum Durchzügler

Vom Standvogel zum Durchzügler

von Ladina Bischof


Blaumeise (Foto © Keith Proven)
Blaumeise (Foto © Keith Proven)

Vögel sind äusserst mobile Tiere und führen viele Ortsveränderungen durch, sowohl im Tages- und Jahresverlauf, als auch über ihr ganzes Leben hinweg. Eine dieser Ortsveränderungen ist der Vogelzug. Als Vogelzug wir eine periodisch auftretende und gerichtete Ortsveränderung bezeichnet, die der Vogel vom Brutgebiet an einen anderen Ort und wieder zurückführt. Doch nicht alle Vögel ziehen. Standvögel halten sich das ganze Jahr über im Brutrevier oder in der näheren Umgebung des Brutrevieres auf. Typische Standvögel sind Kohlmeise, Blaumeise und Haussperling. Zugvögel dagegen führen gerichtete Wanderungen zwischen Brut- und Überwinterungsgebieten aus. Auch nicht alle Vögel ziehen gleich weit. Während viele unserer Brutvögel nur einige hundert Kilometer in den nördlichen Mittelmeerraum ziehen, legen andere viele tausende Kilometer zurück und überwintern teilweise weit südlich des Äquators. 

Bergpieper im Schlichtkleid (Foto © Mathias Schäf)
Bergpieper im Schlichtkleid (Foto © Mathias Schäf)

Bei Teilziehern zieht nur ein Teil der Population weg, besonders Weibchen und Jungvögel überwintert im Brutgebiet. Teilzieher neigen zur Winterflucht, d.h. sie verharren so lange im Brutgebiet bis das Wetter oder die Nahrungsverfügbarkeit zu schlecht werden. Vertikalzieher sind Brutvögel des Hochgebirges, wie zum Beispiel der Bergpieper, welche nicht nach Süden ziehen, sich jedoch im Winter in tiefere Lagen begeben.

Adultes Rotkehlchen (Foto © John Napier)
Adultes Rotkehlchen (Foto © John Napier)

Als Kurzstreckenzieher werden Arten bezeichnet, die im Mittelmeerraum oder in Westeuropa überwintern und nicht über die Sahara ziehen. Sie reagieren sehr empfindlich auf Wetterlagen und können bei milden Temperaturen früher aus dem Winterquartier zurückkehren als normal. Es kann sogar vorkommen, das einzelne Individuen gewisser Arten, wie beispielsweise Mönchsgrasmücke oder Zilpzalp, gar nicht mehr wegziehen. Ein typische Kurzstreckenzieher ist das Rotkelchen. Während unsere einheimischen Brutvögel ans Mittelmeer nach Spanien oder Frankreich ziehen, überwintern Individuen aus dem Nordosten bei uns in der Schweiz. Vögel, die das ganze Jahr über zu beobachten sind, werden als Jahresvögel bezeichnet. Jahresvögel müssen, wie im Falle des Rotkehlchens, nicht zwingendermassen Standvögel sein. Einige Arten aus Nordeuropa überwintern in der Schweiz, ziehen dann aber im Frühling für die Brut wieder in den Norden. Solche Vögel werden als Wintergäste bezeichnet. Besonders für Wasservögel ist die Schweiz mit ihren vielen Seen und Flüssen ein bedeutendes Überwinterungsgebiet. Die fünf häufigsten Wintergäste in der Schweiz sind Wasservögel: Reiherente, Blässhuhn, Tafelente, Stockente und Lachmöwe.  Ein weiterer typischer Wintergast ist der Bergfink, welcher Mitte September aus dem Norden nach West-, Mittel- und Südeuropa zieht. Sein Winterquartier deckt sich mit dem Verbreitungsgebiet der Buche ab, da Bucheckern für den Vogel die wichtigste Nahrungsquelle im Winter sind. Ein seltenerer Gast ist die Saatkrähe, welche aus dem hohen Norden Europas in Schwärmen Ende September eintrifft und bis Mitte März bleibt.

Küstenseeschwalbe im Prachtkleid (Foto © Jonathan Cannon)
Küstenseeschwalbe im Prachtkleid (Foto © Jonathan Cannon)

Langstreckenzieher verbringen den Winter südlich der Sahara und legen mindestens 3'500 Kilometer pro Weg zurück, viele aber auch bis zu 10'000 Kilometer oder mehr. Fast alle spezialisierten Insektenjäger sind Langstreckenzieher, wie beispielsweise der Weissstorch. Den längsten Zugweg legt die Küstenseeschwalbe zurück, welche vom arktischen Brutgebiet ins antarktische Winterquartier zieht. Während des Winters umrunden einige Individuen zusätzlich die gesamte Antarktis, was sich zu einer jährliche Zugstrecken von über 40'000 Kilometer summiert. Auch mehrere Limikolenarten bewältigen beachtliche Zugstrecken von über 30'000 Kilometer. Langstreckenzieher treffen zuverlässig zu festen Zeiten mit wenig Variation bei uns ein und ziehen weg. Dies geschieht weitgehend unabhängig vom aktuellen Wetter. Nur grosse Wetterkatastrophen wie starke Gegenwinde können den Zug verzögern.

Quellen:

L. Svensson, K. Mullarney, D. Zetterström. (2017). "Der Kosmos Vogelführer. Alle Arten Europas, Nordafrikas und Vorderasiens". Franckh-Kosmos Verlags-GmbH & Co. 

Vogelwarte. (2018). "Schweizer Brutvogelatlas 2013–2016. Verbreitung und Bestandsentwicklung der Vögel in der Schweiz und im Fürstentum Liechtenstein".